Selbsthilfegruppen in sozialen Netzwerken: Wie steht es mit der Privatsphäre?

Selbsthilfegruppen sind seit Langem ein geeignetes und erfolgreiches Instrument, um Menschen, die ein Problem teilen, zusammenzubringen, damit sie sich gegenseitig helfen. Solche Gruppen gibt es zu verschiedensten Themen wie Sucht, Trauer und viele mehr. Ein wichtiges Prinzip von Selbsthilfegruppen ist die Verschwiegenheitspflicht der Teilnehmenden. Alle Gruppenmitglieder sind verpflichtet, Dinge, die in der Gruppe besprochen wurden, nicht nach außen zu tragen.

Seit vielen Jahren schon haben sich auch im Internet und im Usenet Gruppen zusammengefunden, die Selbsthilfe virtuell durchführen. Im Gegensatz zu klassischen Selbsthilfegruppen lassen sich hier jedoch zwei Arten von Selbsthilfegruppen unterscheiden. So gibt es auch im Netz geschlossene Selbsthilfegruppen, etwa Mailinglisten, an denen man nur nach Anmeldung teilnehmen kann. Teilweise muss man sich sogar streng authentifizieren, bevor man zugelassen wird, weil die Gruppe vermeiden möchte, dass Unbekannte das Vertrauensverhältnis der Teilnehmer stören. In solchen Gruppen sind vertrauliche „Gespräche“ unter strenger Wahrung der Privatsphäre der Teilnehmenden unter bestimmten Umständen ebenso möglich wie in klassischen Selbsthilfegruppen.
Auf der anderen Seite gibt es, vor allem im Usenet, Gruppen, die weltweit einsehbar sind und in denen jeder mitlesen kann. Hier versteht es sich von selbst, dass Selbsthilfe nur in anonymisierter Form möglich ist, soll die Privatsphäre der Betroffenen geschützt werden. Dabei ist auch zu achten, dass nicht andere Informationen über die betroffene Person an die Öffentlichkeit gelangen. In diesem Setting ist effektive Selbsthilfe sehr schwierig.

Um die Privatsphäre der Teilnehmenden zu wahren, halte ich daher folgende Kriterien für virtuelle Selbsthilfegruppen für relevant:

  • Virtuelle Selbsthilfegruppen sollten geschlossen sein: Das bedeutet zunächst, dass nicht jeder mitlesen können soll, sondern eine vorherige Anmeldung erforderlich ist. Eine strenge Authentifizierung, etwa mit einer Kopie des Personalausweises, halte ich dagegen in den meisten Fällen nicht für notwendig und auch nicht für sinnvoll, denn der große Vorteil am Netz ist, dass Menschen auch anonym an Selbsthilfegruppen teilnehmen können. Das erleichtert vielen diesen Schritt. Lediglich Leitende einer Selbsthilfegruppe im Netz sollten namentlich bekannt sein, um Vertrauen zu schaffen und damit Interessenten einen Ansprechpartner haben. Es gibt aber Ausnahmefälle, in denen auch eine strenge Authentifizierung der Teilnehmenden sinnvoll oder gar notwendig ist, um die Teilnehmenden zu schützen. Das kann beispielsweise in Selbsthilfegruppen der Fall sein, die extreme Gewalterfahrungen zum Thema haben.
  • Der Netzwerkverkehr von virtuellen Selbsthilfegruppen sollte verschlüsselt werden: Dieses Kriterium erfüllt meines Wissens kaum eine virtuelle Selbsthilfegruppe. Ich halte es aber für sehr wichtig, um die Privatsphäre der Teilnehmenden effektiv zu schützen, weil sonst der Netzwerkverkehr der Gruppe abgehört werden kann. In diesem Rahmen eignen sich vor allem webbasierte Selbsthilfe-Chats oder Foren, weil sie einfach zu verschlüsseln sind.
  • Der Server sollte von vertrauenswürdigen Personen administriert werden: Der Server, auf dem die virtuelle Selbsthilfegruppe betrieben wird, muss natürlich auch administriert werden. Administratoren haben dabei Zugriff auf alle Daten, die auf dem Server lagern. Am besten ist es daher natürlich, wenn auch nur die Betreiber einer virtuellen Selbsthilfegruppe Zugriff auf den Server haben. In der Praxis ist das nicht immer machbar. Daher sollte man bei der Auswahl eines Providers für eine virtuelle Selbsthilfegruppe strengstens auf dessen Umgang mit sensiblen Daten achten. Optimal ist es natürlich, wenn die Daten auf dem Server auch verschlüsselt abgelegt werden, so dass Administratoren keinerlei Einblick erlangen können
  • Die Teilnehmenden an virtuellen Selbsthilfegruppen müssen die gleichen Pflichten und Rechte haben wie Teilnehmende an klassischen Selbsthilfegruppen: Dazu gehört vor allem, dass alle Teilnehmenden das Recht auf und die Pflicht zur Verschwiegenheit haben. Dinge, die in der Gruppe besprochen werden, dürfen nicht nach außen dringen.

Die genannten Kriterien sollten nun selbstverständlich auch für Selbsthilfegruppen in öffentlichen sozialen Netzwerken gelten. Soziale Netzwerke erfüllen die Kriterien aber meist nur teilweise. Soziale Netzwerke erscheinen von ihrer Struktur her zwar für Selbsthilfegruppen optimal geeignet, weil Menschen mit den gleichen Anliegen sich dort sehr gut vernetzen können. Aber bezüglich der Privatsphäre werfen sie einige Probleme auf. Ein Beispiel: Kürzlich erhielt ich eine Anfrage, was ich von einer Selbsthilfegruppe in Facebook halten würde. Ich habe davon abgeraten. Denn zwar lassen sich auf Facebook geheime Gruppen anlegen deren Mitglieder nicht offengelegt werden, und man kann die Verbindung zu Facebook verschlüsseln. Das heißt, gegenüber anderen Usern oder Außenstehenden kann die virtuelle Selbsthilfegruppe recht gut geschützt werden. Problematische ist jedoch, dass die Gruppeninhalte auf Servern in den USA gespeichert werden, wo sie dem Zugriff der Teilnehmenden im Ernstfall komplett entzogen werden können. Diese mangelnde Kontrolle über sensibelste Inhalte spricht dagegen, dass Facebook zum Zwecke von Selbsthilfegruppen verwendet werden kann. In anderen sozialen Netzwerken ist es ähnlich. Daher ist meiner Ansicht nach von Selbsthilfegruppen in öffentlichen sozialen Netzwerken abzuraten.

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4 Gedanken zu „Selbsthilfegruppen in sozialen Netzwerken: Wie steht es mit der Privatsphäre?

  1. Jörg Rupp

    Das ist mir zu undifferenziert. Ich habe ERfahrung mit offenen, uverschlüsselten SElbsthilfegruppen, wo die Anonymität durch Pseudonyme gewährleistet war, bei denen, die das wollten. In Selbsthilfegruppen zu Scheidungs- und Trennungsproblematik ist das gar kein Problem – ist halt kein Facebook, keine Mailingliste, sondern Forum. Alle Teilaspekte machen da Sinn, offen, halboffen, geschlossen und verschlüsselt.
    Daher ist eine pauschale Ablehnung nicht sinnvoll, sondern das muss jedeR für sich selbst entscheiden.

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  2. Sabine Engelhardt

    Ich kann mich noch gut an de.etc.selbsthilfe.missbrauch (desm) im Usenet erinnern. Die Newsgroup ist (war?) moderiert. Private Daten wurden in der Newsgroup nicht herausgegeben, allerdings hatten sich ein paar Leute wohl auch per Mail angefreundet und Daten ausgetauscht.

    Von unangenehmen Mails an die Teilnehmer oder einem sonstwie gearteten Datenmißbrauch ist mir nichts bekannt geworden.

    Allerdings ist meine Erfahrung aus dem Zeitraum von der Einrichtung der Gruppe (1997, glaub ich) bis maximal 2001. Es ist schwer abzuschätzen, ob eine solche Konstellation heute noch funktionieren würde.

    Im Usenet, gerade im deutschsprachigen Teil, galten zudem auch ein paar andere, strengere Umgangsregeln als heute wohl bei Facebook & Co. desm genoß im de-Usenet dieser Zeit einen sehr hohen Respekt.

    (Die Gruppe selbst scheint seit einem oder zwei Jahren praktisch tot zu sein, wenn ich groups.google.de Glauben schenken darf; ich hab jetzt nicht nachgesehen, ob sie offiziell überhaupt noch existiert.)

    Gruß, Frosch

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  3. Alex

    @Jörg Pseudonyme gewährleisten keine Anonymität. Pseudonymität birgt beispielsweise immer die Gefahr, daß jemand woanders versehentlich das gleiche ungewöhnliche Pseudonym verwendet und dort auch mit Realnamen bekannt ist. Damit legt er auch in der Selbsthilfegruppe seine Identität offen.

    Ich gebe dir prinzipiell recht, daß jeder für sich selbst entscheiden muß, wie er’s denn gern hätte. Aber Selbthilfegruppen, wie man sie aus dem „Real Life“ kennt und die strengen Vertraulichkeitsregeln unterliegen, sind nur so umsetzbar wie beschrieben. Nicht jedes Forum, in dem jemand pseudonym einen Fall schildern kann, ist in diesem Sinne eine Selbsthilfegruppe. Dazu gehört m. E. mehr.

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  4. Pingback: Privatsphäre und Datenschutz im sozialen Netzwerk | Yesbo Netzwerk

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