Pseudonyme und Identität im Netz

Immer wieder wird über die Nutzung von Pseudonymen in sozialen Netzwerken diskutiert. Von Kritikern der Pseudonymverwendung in sozialen Netzwerken hört man oft Argumente der Art, die Pseudonymbenutzer würden eine „Pseudo-Identität“ annehmen oder eine Identität „vorspielen“ oder sich hinter einer anderen Identität „verstecken“. Aber ist das wirklich so?

Man kann davon ausgehen, dass diejenigen, die die obigen Argumente vertreten, Identität grundsätzlich am im Personalausweis stehenden Namen einer Person festmachen. Diese Menschen sind offensichtlich der Meinung, dass nur dieser Name – oder zumindest der im Alltag am häufigsten verwendete Name einer Person wie der Rufname – identitätsstiftend sein kann und jegliches Auftreten der Person unter anderem Namen nichts mit der „wahren“ Person dahinter zu tun hat.

Diese Auffassung ist in meinen Augen eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise des komplexen Themas Identität. Zwar ist der im Personalausweis stehende Name auch identitätsstiftend. Und in manchen Bereichen, etwa bei Fantasy-Rollenspielen, schlüpft die Person mit dem im Spiel gewählten Namen wirklich in eine andere Identität. Die Spieler kennen sich in diesen meist eher kleinen Kreisen auch mit ihren alltäglichen Namen und reden sich außerhalb des Spiels in der Regel auch damit an. Ich kann mir vorstellen, dass viele genau diese Vorstellung im Kopf haben, wenn sie von „Pseudo-Identitäten“ reden und meinen, dass sich Menschen auch im Netz hinter anderen Identitäten verstecken, wenn sie pseudonym auftreten. Meines Erachtens ist das genaue Gegenteil der Fall.

Seit es Online-Gemeinschaften gibt, hat sich das Spektrum auch real identitätsstiftender Namensgebungen vielmehr erheblich erweitert. Ich kenne Gemeinschaften wie IRC-Channel, in denen man sich natürlich nur mit dem selbstgewählten Nickname anredet und der im Personalausweis stehende Name gar nicht bekannt wird. Im Gegensatz zu Rollenspielen wird dort aber nicht gespielt und sich in eine Fantasiewelt hineingedacht, sondern man unterhält sich über ganz alltägliche und reale Dinge, löst vielleicht sogar gemeinsam reale Probleme. IT-Supportchannel etwa gibt es im IRC zu Hauf. So ist es nicht verwunderlich, dass man sich auch bei Offline-Treffen mit den jeweiligen Nicknames anredet und sich auch nur so kennt.
Ähnlich ist es bei Online-Rollenspielen, bei denen dann auch endgültig auf diesen Offline-Treffen die Grenze zwischen Spielidentität und realer Identitätsstiftung verschwimmt. Denn auf diesen Treffen ist man zwar natürlich nicht der Hexenmeister, den man vielleicht im Spiel verkörpert, man identifiziert sich aber zu diesem Zeitpunkt über den im Spiel gewählten Namen und nicht über den im Alltag verwendeten. Den kennen auch hier die meisten nicht mal. Trotzdem ist man man selbst und versteckt sich nicht hinter einer anderen Identität.

Kurz gesagt: Mit virtuellen Gemeinschaften werden nicht mehrere (Pseudo)-Identitäten durch ein und dieselbe Person vertreten, sondern unsere Identität ist vielmehr wesentlich vielschichtiger geworden. Versteht man Identität – oder genauer gesagt personale Identität – als die Frage nach dem „Wer bin ich?“, wie es zum Beispiel die Stanford Encyclopedia Of Philosophy unter anderem tut, ist diese Frage in Bezug auf den Namen heutzutage eben nicht mehr nur mit dem im Personalausweis stehenden Namen oder dem Rufnamen, den man offline bekommen hat, zu beantworten. Zu der Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ gehören mittlerweile auch Pseudonyme, die man in virtuellen Gemeinschaften verwendet und mit deren Hilfe man dort stabile Beziehungen aufbaut und sozial interagiert. Sowohl diese Pseudonyme wie auch die sozialen Beziehungen und Interaktionen sind integraler Bestandteil ein und derselben Persönlichkeit und nicht multipler Persönlichkeiten, wie es manche vielleicht glauben machen möchten.

Ich glaube, dass es sich bei der diskutierten Frage vor allem um ein Generationenproblem handelt. Ich erlebe es immer wieder, dass es für Menschen, die bereits vor der Zeit des World Wide Web oder zu dessen Anfangszeit in virtuellen Gemeinschaften unterwegs waren – und zu denen ich auch gehöre – gar kein Problem darstellt, sich vorstellen zu können, dass auch moderne soziale Netzwerke wie Facebook sinnvoll pseudonym genutzt werden können. Denn sie haben bereits vor allen anderen erfahren, dass es keineswegs die vermeintlich im Personalausweis stehenden Namen sind, die in einer virtuellen Gemeinschaft Identität – und auch Vertrauen – stiften, sondern Kontinuität. Wenn Menschen sich fortlaufend in eine virtuelle Gemeinschaft einbringen und diese damit stützen und bereichern, ist es egal, ob sie pseudonym auftreten oder mit ihrem im Personalausweis stehenden Namen. Denn einzig und allein diese Kontinuität trägt zum Bestehen virtueller Gemeinschaften bei. Namen müssen zur Wahrung dieser Kontinuität zwar auch Kontinuität aufweisen. Das heißt, eine Person muss stabil über ein und denselben Namen in einer virtuellen Gemeinschaft aktiv sein. Aber ob dieser Name nun ein Pseudonym, ein Fantasiename oder der im Personalausweis stehende Name ist, spielt keine Rolle.

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2 Gedanken zu „Pseudonyme und Identität im Netz

  1. Atari-Frosch

    Das erinnert mich an einen Tweet, den ich vor längerer Zeit las: „Hallo, ich bin $nickname, aber meine Eltern wußten das damals nicht und haben mich $vorname $nachname genannt.“ 🙂

    Für mich ist der Nickname wesentlich stärker identitätsstiftend, gerade weil ich ihn selbst gewählt habe. Da steht was in meinem Personalausweis – na und? Ich hab das da nicht reingeschrieben. Der Name da drin ist Pflicht, weil „der Staat“ das so will, daß es so einen Namen gibt, der einem bestimmten Schema entspricht. Das muß aber nichts mit meiner Persönlichkeit zu tun haben. Also: Ich bin Atari-Frosch, aber meine Eltern wußten das damals nicht und haben mich deshalb Sabine Engelhardt genannt. Kann ich ja nix für.

    Andere haben den Nicknamen vielleicht nicht selbst gewählt, sondern bekamen ihn quasi „aufgedrückt“ – haben ihn aber für sich anerkannt. Sowas kann aus einer einzelnen Situation heraus oder aus einem bekannten Verhalten der Person entstehen. Oder aus einer Verbiegung seines gegebenen Namens. Oder daraus, wie ein Kind oder ein Mensch mit einer anderen Muttersprache den gegebenen Namen mal ausgesprochen hat. Hab ich alles schon erlebt.

    Letztendlich, finde ich, ist so ein Nickname sogar stärker identitätsstiftend als der gegebene Name, weil man zu diesem später gewählten Namen einen viel persönlicheren Bezug hat.

    Wovor „Politiker“ Angst haben, ist, daß sie die Person hinter dem Pseudonym nicht ermitteln könnten, wenn da mal eine Beleidigung fallen sollte. Und dann gibt es noch die, die z.B. auf Abgeordnetenwatch Menschen ohne „Realname“ nicht antworten mögen, weil, ähm ja weil … ich glaub, das wissen sie selbst nicht (sofern es nicht einfach ein Ablenkungsmanöver ist, weil die Frage gar zu unangenehm war). 😉

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    1. root Beitragsautor

      Es sind nicht nur Politiker. Insbesondere in den modernen sozialen Netzwerken wie Facebook herrscht der Irrglaube vor, jemand sei nur authentisch, wenn er mit seinem „Realnamen“ auftrete. Das hat teils fatale Folgen, da Leuten, die mit offensichtlichen Pseudonymen auftreten, kein Vertrauen entgegengebracht wird, nicht mal, wenn sie konstant ordentlich unter diesem Pseudonym auftreten. Ich halte das für eine sehr bedenkliche Entwicklung.

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