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Das Facebook-Experiment: Ethisch in Ordnung oder nicht?

Wissenschaftler verschiedener Universitäten haben zusammen mit Facebook ein Experiment zur Übertragung von Stimmungen in dem sozialen Netzwerk durchgeführt, in dem die News Feeds von über 689.000 Facebook-Usern derart manipuliert wurden, dass entweder positive oder negative Emotionen induziert wurden. Dieses Experiment hat nun zu einer Kontroverse geführt, ob ein solches Vorgehen ethisch vertretbar ist oder nicht, wie verschiedene deutsche Medien berichten. Ich möchte an dieser Stelle aus fachlicher Sicht darlegen, wie ich dieses Experiment ethisch bewerte.

Wann sind psychologische Untersuchungen am Menschen ethisch vertretbar?

Diskussionen um ethische Standards bei psychologischen Online-Untersuchungen sind nicht neu. Ich befasse mich bereits seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Online-Untersuchungen und habe auch immer wieder welche durchgeführt. Schon damals gab es zumindest an Universitäten strenge Richtlinien für Online- und Offline-Untersuchungen. An diesen Richtlinien möchte ich mich orientieren, um das Facebook-Experiment ethisch zu bewerten.

Ein Kriterium für psychologische Forschung am Menschen ist der sogenannte „informed consent“. Das bedeutet, dass die Versuchsteilnehmer über ihre Teilnahme informiert sein und ihr zustimmen müssen. Gleiches gilt für eine Aufklärung über den Zweck der Untersuchung. Beides war beim Facebook-Experiment ganz klar nicht der Fall.

Von diesem Kriterium kann aber unter bestimmten Bedingungen durchaus abgewichen werden. Wenn zum Beispiel eine Information der Versuchsteilnehmer über eine Teilnahme oder den Zweck der Untersuchung im Vorfeld das Ergebnis beeinflussen würde, kann die vorherige Benachrichtigung der Versuchsteilnehmer über den Zweck der Untersuchung oder gar über ihre Teilnahme unterbleiben, wenn sichergestellt ist, dass die Versuchsteilnehmer nachträglich über ihre Teilnahme und den Zweck der Untersuchung informiert werden, und die Schädigungslosigkeit der Untersuchung gesichert ist. Beides ist hier meiner Meinung nach nicht gegeben. Eine Publikation ist keine nachträgliche Information der Versuchsteilnehmer. Diese Information muss in jedem Einzelfall persönlich gegeben werden. Nur bei kleineren Gruppen ist auch eine Benachrichtigung der Gruppe als Ganzes zulässig. Bei über 600.000 Versuchsteilnehmern ist eine Benachrichtigung jedes einzelnen Teilnehmers notwendig. Das ist ganz offensichtlich unterblieben.

Eine weitere wichtige Voraussetzung für ethisch vertretbare psychologische Untersuchungen ist die bereits genannte Schädigungslosigkeit. Wie oben bereits angedeutet halte ich die beim Facebook-Experiment nicht für gegeben. Eine Manipulation von Stimmungen kann durchaus negative Folgen für die psychische Verfassung von Menschen haben. Solche Manipulationen sind zwar in psychologischen Experimenten durchaus üblich. Dann erfolgen sie aber im Labor unter Anwesenheit des Versuchsleiters, der das Experiment sofort abbrechen kann, wenn ein Versuchsteilnehmer durch die Manipulation ernsthaft gefährdet zu sein scheint. Eine massenhafte Manipulation von Emotionen ohne jegliche Kontrolle über die Folgen halte ich daher für unethisch.

Darüber hinaus sollte den Versuchsteilnehmern immer die Möglichkeit gegeben werden, ihre Zustimmung auch nachträglich zurückzuziehen. In diesem Fall ist der Datensatz der Person zwingend zu löschen. Diese Möglichkeit war beim Facebook-Experiment gar nicht gegeben, da die Teilnehmer ja auch nicht persönlich über ihre Teilnahme informiert wurden.

Last but not least ist außer in begründeten Ausnahmen die Anonymität der Teilnehmer zu gewährleisten. Ob und wie das in diesem Fall gewährleistet wurde, sagt zumindest das Abstract nicht. Vielmehr heißt es dort: „Data processing systems, per-user aggregates, and anonymized results available upon request“. Das lässt befürchten, dass bei der eigentlichen Auswertung keine stringente Anonymisierung stattfand.

Fazit

Betrachtet man die genannten Kriterien im Lichte dieser Untersuchung, so muss man meines Erachtens zwingend zu dem Schluss kommen, dass das Facebook-Experiment nicht mit ethischen Grundsätzen psychologischer Forschung vereinbar ist. Daran ändert auch Facebooks Aussage, dass die User ja schon mit der Zustimmung zu Facebooks Richtlinien einer Manipulation des Newsfeeds zugestimmt haben, nichts. Sie haben damit nämlich noch lange nicht der Teilnahme an einem psychologischen Experiment zugestimmt. Facebook selbst ist an die genannten Kriterien freilich nicht gebunden, müsste sich also nicht daran halten. Die am Experiment beteiligten Wissenschaftler dagegen sind zwingend berufsethisch an Kriterien ethischer Forschung gebunden. Meiner Meinung nach ist als Konsequenz daraus zumindest die Publikation zurückzurufen, und die Daten sind zu vernichten. Für die Zukunft sollte zudem darüber nachgedacht werden, wissenschaftliche Ethikrichtlinien auch für Unternehmen, die Forschung betreiben, verbindlich zu machen. Die Einschaltung einer Ethikkommission sollte verpflichtend werden.

Eine andere Frage, die aber nicht minder wichtig ist, ist, ob es ethisch vertretbar ist, die Ergebnisse solcher Untersuchungen praktisch zu nutzen und die Stimmungen von Usern etwa zu Werbezwecken zu manipulieren. Auch hier sollte man meiner Meinung nach Unternehmen, die solche Manipulationen vornehmen wollen, verpflichten, ihr Vorhaben einer Ethikkommission vorzulegen.

Wie ist Ihre Meinung zum Facebook-Experiment? Halten Sie das Vorgehen für vertretbar, oder stimmen Sie mir zu?

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